Praxisgründung 2027: Architektur einer intelligenten Zahnarztpraxis

Einleitung: Warum Technologie von Anfang an?
Wer eine Zahnarztpraxis gründet, hat die einmalige Chance, Technologie nicht hinterher zu kleben, sondern von Beginn an architektonisch zu denken. Bei einer Neugründung wie Pul's Zahnmedizin am WiloHealthCube in Dortmund können wir Prozesse nicht um bestehende Infrastruktur herum bauen – wir bauen die Infrastruktur für intelligente Prozesse.
Der Unterschied ist erheblich. Retrofit-Lösungen in etablierten Praxen scheitern oft an Kabelgewirr, Schnittstellen-Chaos und Mitarbeiterwiderstand. Neugründungen haben einen klaren Vorteil: Wir können die Praxis von Anfang an so architektieren, dass Geräte, Software und Workflows kohärent zusammenspielen.
Der Tech-Stack: Konkrete Produktentscheidungen
KI-Rezeption: Linda auf Eigeninfrastruktur
Für die Rezeption haben wir uns bewusst gegen bestehende Telemedicine-Plattformen entschieden und bauen eine Custom-AI-Assistentin namens Linda. Der Grund ist Datensouveränität: Wir laufen auf europäischen Servern (DSGVO-konform), nicht auf US-Cloud-Infrastruktur.
Linda integriert sich direkt in unsere PVS (Praxisverwaltungssoftware) über REST-APIs. Sie verwaltet Terminkalender in Echtzeit, qualifiziert Anfragen (notfall vs. routine) und sendet relevante Patientinnen-Unterlagen an die richtigen Zahnärztinnen. Kostenkalkulation: ca. 8.000€ für initiale Entwicklung, dann 150€/Monat für Hosting und Wartung. Das amortisiert sich durch Zeitersparnis bei der Terminvergabe innerhalb von 18 Monaten.
Roboterlogistik: Pudu T300
Instruments und Zahnersatz müssen in einer modernen Praxis fließen, nicht stehen. Der Pudu T300 ist ein autonomer Transport-Robot mit 300kg Nutzlast, LiDAR-SLAM-Navigation und ISO-3691-4-Zertifizierung (sichere Navigation in klinischen Umgebungen). Er kostet ca. 28.000€ für die Grundausstattung, plus 5.000€ für Custom-Schnittstellen-Integration.
Konkrete Use Cases:
- Instrumenten-Logistik: Sterilisierte Zahnärztliche Instrumente von der Sterilisiereinheit direkt zum OP-Stuhl
- Materialien-Nachschub: Automatische Bereitstellung von Kompositen, Bändern, Attachments
- Prothesen-Transport: Fertige Restaurationen vom Labortisch zur Patientenausgabe
Der T300 integriert sich über MQTT mit unserem Schichtkalender. Wenn Stuhl 2 um 14:00 Uhr frei wird, sendet die PVS einen Task: "Hole Instrument-Tray von Sterilisation, bringe zu Stuhl 1, dann Material-Nachschub von Lager zu Stuhl 3."
Volldigitaler Chairside-Workflow
Hier ist die Kombination kritisch:
Aoralscan Elite: 5µm Scangenauigkeit, photogrammetrische Oberflächenerkennung. Kostet ca. 12.000€, spart aber auf lange Sicht durch digitale Provisorien und Alignerplanung erheblich Arbeitszeit ein. Sie integriert direkt mit CAD-Software.
E-Motion Jaw Motion Tracking: Erfasst die 3D-Bewegungsbahn des Patienten. 4.500€. Kritisch für komplexe interdisziplinäre Fälle (Neuro-zahnmedizin mit Neurochirurgen).
DVT mit KI-Diagnostik: Wir nutzen ein Imaging-System mit integrierten Machine-Learning-Algorithmen für Frakturdetektion und Parodontalstatus. Ca. 45.000€ für die Hardware, amortisiert sich durch vermiedene Nachaufnahmen.
SprintRay Pro 2 + Midas: Das ist unsere Basis-Lab-Ausstattung. Der Pro 2 druckt 6 volle Modelle in 15 Minuten (35µm XY-Auflösung, ca. 12.000€). Der Midas ist für hohe Genauigkeit bei Zahnersatz optimiert – DPS-Technologie (Dynamic Platform Suspension) erlaubt 3 volle Kronen in unter 10 Minuten (ca. 25.000€). Plus NanoCure-Station für Post-Processing: 3.500€.
"Die größte Effizienzkompensation kommt nicht aus schnelleren Maschinen, sondern aus Workflows, wo keine Pausen zwischen den Prozessschritten entstehen."
Integrations-Architektur
Das Knifflige: Diese Systeme dürfen keine isolierten Inseln sein. Linda muss wissen, ob der T300 gerade den Stuhl mit Instrumenten versorgt – damit die Assistentin den Patienten nicht 3 Minuten zu früh hereinruft. Der DVT-Output muss direkt in die Planungssoftware für Alignerdesign fließen. Der SprintRay muss den 3D-Datensatz vom Scan verarbeiten können.
Das bedeutet konkret:
- Zentrale PVS als Hub: Alle Geräte sprechen via REST- und MQTT-APIs mit der PVS
- Eindeutige Patient-ID: Jeder Export (Scan, DVT, 3D-Druck) ist gekoppelt an eine ID
- Automatische Workflow-Trigger: Wenn Scan abgeschlossen → dvt-angefordert = automatische DVT-Anmeldung → Ergebnis verfügbar = automatische Alignerplanung-Notiz
Integration ist teuer (ca. 15.000€ für Custom-API-Development), aber spart Übertragungsfehler und Zeit ein.
Eigenlabor vs. externes Labor
Wann lohnt sich in-house?
- Break-even bei ca. 120+ Modelldrucken/Monat (für SprintRay Pro 2)
- Wenn Provisorium-Durchsatz >3 pro Tag
- Wenn Alignerplanung intern erfolgt (= häufige 3D-Drucke)
Wann outsourcen?
- Prothesen-Arbeiten: Immer noch Handwerk, schwer zu automatisieren
- Komplexe Restaurationen: Der Zahntechniker sieht Details, die KI (noch) übersieht
- Großserien: Externe Labore haben bessere Kosteneffizienzen bei Volumen
Unser Kalkül für Pul's Zahnmedizin: 60% in-house (Modelle, Provisorien, einfache Schienen), 40% extern (Brücken, spezielle Prothesen, komplexe Restaurationen).
Regulatorik & Rechtliches
KI-Diagnostik: Jede KI-gestützte Diagnostik (DVT-Analyse, Frakturdetektion) unterliegt der MDR (Medical Device Regulation). Hersteller müssen Validierungsstudien vorweisen können.
KI-Akt: Ab August 2026 greift die EU-weite KI-Verordnung. Hochrisiko-Anwendungen (wie diagnostische KI) müssen dokumentiert sein – Risiko-Assessment, Nutzungsrichtlinien, Fehlerprotokolle.
Hygieneplan für Roboter: Der T300 ist ein Medizinprodukt. Oberflächendesinfektion nach jeden Tag, Validierungsprotokoll für Desinfektionsmittel, dokumentierte Reinigung.
KBV-Guidelines: Die Kassenzahnärztliche Bundesvereinigung erlaubt digitale Workflows, verlangt aber Originalunterlagen für Abrechnungszwecke. Digitale Scans müssen 10 Jahre archiviert sein (Aufbewahrungspflicht).
Investitions-Übersicht
Eine realistische Kalkulation für eine intelligente Praxis (Größe: 2-3 Zahnärzt*innen, 4-6 ZFA):
| Komponente | Kostensumme | |---|---| | KI-Rezeption (Linda) | 13.000€ | | Pudu T300 Robotik | 33.000€ | | Digitaler Chairside (Aoralscan, E-Motion, DVT) | 61.500€ | | 3D-Druck-Labor (Pro 2, Midas, NanoCure) | 40.500€ | | Integrations-Development | 15.000€ | | Netzwerk/IT-Infrastruktur | 12.000€ | | Gesamt | ~175.000€ |
Dazu kommen laufende Kosten: ca. 1.500€/Monat für Lizenzen, Updates, Cloud-Hosting.
Finanzierung: Viele Geräte-Hersteller bieten Finanzierungspläne (4-5 Jahre, 3-5% Zinsen) an. Für KI-Custom-Development empfiehlt sich eine Tech-Startup-Förderung (z.B. über WiloHealthCube's Investor-Netzwerk).
Häufige Fehler bei der Planung
-
Überautomation: Nicht alles, was automatisierbar ist, sollte automatisiert werden. Ein Robot nimmt einen ZFA-Arbeitsplatz weg – wenn ihr keinen 2. Zahnärzt*innen habt, arbeitet der T300 für 5.000€/Monat Leerkosten.
-
Vendor Lock-in: Kauft nicht drei Systeme vom gleichen Hersteller nur wegen "nahtloser Integration". Offene APIs sind lebensversicherung.
-
Team-Training unterschätzt: Implantation einer neuen Technologie braucht 3-6 Monate Einlernphase. Kalkuliert ZFA-Zeit und externe Schulung ein.
-
Schnittstellen-Komplexität: Jede API, die ihr aufsetzt, ist Wartungs-Schuld. Nehmt besser 2-3 gut integrierte Systeme als 8 isolierte Tools.
-
Datenschutz als Afterthought: DSGVO-konformität später zu retrofittenn kostet doppelt. Von Anfang an mit Datenschutzbeauftragtem planen.
Team-Anforderungen
Eine "intelligente" Praxis braucht nicht unbedingt mehr Köpfe, aber andere Köpfe:
- Zahnärztliche Expertise (unvermindert zentral)
- ZFA mit Tech-Affinität: Vertrautheit mit Scannern, CAD-Touch, digitalen Workflows
- Praxismanager/in mit IT-Grundwissen: Nicht "Informatiker", aber jemand, der API-Konzepte versteht und Vendor-Support koordiniert
- Externe Partie: IT-Systemadministrator (0,5-1 Tag/Woche) für Netzwerk-Updates, Backup, Sicherheits-Patches
Schlusswort & Ausblick
Pul's Zahnmedizin wird 2027 unter diesen Bedingungen starten – nicht als "Tech-Labor ohne Zahnmedizin", sondern als Praxis, in der Technologie dienstbar für bessere Patientenergebnisse arbeitet.
Kolleginnen und Kollegen, die ähnliche Wege erwägen, laden wir ein, unsere Erfahrungen zu teilen. Wir planen ab 2027 auch Fortbildungskurse zum Thema "Digitale Praxis-Architektur" für Zahnarztpraxen anzubieten. Interesse? Schreibt uns unter kontakt@pulszahnmedizin.de.
FAQ für Kolleginnen und Kollegen
F: Ist 175.000€ nicht zu viel für eine Neugründung? A: Nicht, wenn ihr von 150-170 durchschnittliche Behandlungseinheiten/Monat plant. Die Technologie zahlt sich über verbesserte Effizienz (3-5h/Woche Zeiteinsparung), höhere Fallzahlen (digitale Alignerplanung) und bessere Patientenergebnisse zurück. Break-even ist realistisch in 4-5 Jahren.
F: Muss ich sofort alles kaufen, oder kann ich schrittweise aufbauen? A: Schrittweise ist klüger. Phase 1 (Monat 1-6): PVS + Aoralscan. Phase 2 (Monat 6-12): 3D-Druck. Phase 3 (Monat 12+): KI-Rezeption, Robotik. So lernt ihr die Systeme besser kennen und vermeidet Überkauf.
F: Was, wenn der Hersteller eines kritischen Systems in 10 Jahren die API ändert? A: Deshalb: API-Verträge mit SLA ("Service Level Agreement"). Fordert schriftliche Zusicherungen ein, dass ältere API-Versionen 5+ Jahre unterstützt werden. Und: Mehrfach-Anbieter bei kritischen Funktionen (zwei Scanner statt einer, falls möglich).
F: Wie sicher ist es, medizinische Daten auf europäischen Servern zu speichern? A: Sicherer als auf US-Cloud (DSGVO-Vollzug). Mit ISO-27001-Zertifizierung eures Hosters ist das solid. Verschlüsselung end-to-end ist Standard. Ärztliche Schweigepflicht bleibt auch digital bestehen.
F: Werden Roboter und KI meinen Zahnärzt*innen den Job wegnehmen? A: Nein – sie nehmen Verwaltungsarbeit weg. Ein Zahnarzt mit 4 Stunden Stuhl-Zeit pro Tag spart 1 Stunde Verwaltung pro Tag. Das ist mehr Patienten, nicht weniger Jobs. Die Anforderung wächst: von "Zahnarzt" zu "digitaler Zahnarzt".